Gottesdienst? Echt jetzt?!

Die Kirche sei verstaubt, das Format der Gottesdienste überlebt, es brauche dringend neue Formen – und überhaupt: Kaum jemand fühle sich noch angesprochen. Solche Sätze hört man oft. Journalist:innen garnieren sie gerne mit der Trope von den „leeren Kirchenbänken“.

Und ja: Wer am Sonntagmorgen in die Kirche geht, muss selten befürchten, keinen Platz mehr zu finden.

Aber ist das automatisch ein Problem?

Wer Antworten zuerst in Zahlen sucht, kann nüchtern argumentieren: Wenig besuchte Gottesdienste führen zu Veranstaltungskosten pro Kopf, die betriebswirtschaftlich schwer zu rechtfertigen sind. Jeder Gottesdienst hat Fixkosten: Pfarrer:in, Kirchenmusiker:in, Sigrist:in – je nach Anlass weitere Menschen – plus Heizung, Reinigung, Unterhalt.

Nur: Wer nur rechnet, wird dem Wesen eines Gottesdienstes nicht gerecht. Denn die Frage ist nicht zuerst: „Lohnt sich das?“ Sondern: Was ist das überhaupt – ein Gottesdienst?

Ich habe den Eindruck, dass dieses Wort für viele zu einem Fremdwort geworden ist. Nicht, weil man es nicht kennt, sondern weil man dem, wofür es steht, fremd geworden ist – oder nie einen Zugang dazu hatte.

Manche verstehen „Gottesdienst“ wie einen Ersatzkult: Früher opferte man Tiere, heute opfert man Zeit, Worte, Gebete, Lieder – um eine höhere Macht gnädig zu stimmen. Es mag sein, dass einzelne tatsächlich so empfinden. Ich persönlich kann dem wenig abgewinnen.

Für mich erschliesst sich „Gottesdienst“, wenn man das Wort ernst nimmt – und gleichzeitig umdreht. Es ist nicht in erster Linie ein Dienst, den wir Gott leisten. Es ist eine gemeinsame Antwort auf Gottes Dienst an uns.

Darum sprechen wir auch nicht davon, „zu gottesdiensten“, sondern: Wir feiern Gottesdienst. Feiern heisst: Wir reagieren. Wir antworten. Wir geben Resonanz – mit Musik, Worten, Stille, Klage, Dank, manchmal auch mit Trotz und Fragen.

Denn Gottes Dienst zeigt sich nicht nur in dem, was leicht fällt: Dankbarkeit, Lob, „schöne“ Gefühle. Sondern auch dort, wo wir ringen: in Trauer, Wut, Ratlosigkeit, im Hadern. Gerade das ist oft das Ehrlichste.

Was meine ich mit „Gottes Dienst“?

Ganz schlicht: dass Menschen erfahren – manchmal leise, manchmal überraschend – dass sie getragen sind. Dass Würde nicht verdient werden muss. Dass Versöhnung möglich ist. Dass ein Neuanfang nicht nur ein psychologischer Trick ist, sondern eine reale Hoffnung. Dass Gemeinschaft mehr sein kann als ein Netzwerk von Nützlichkeit.

Ob und wann jemand so etwas als Gottes Wirken erkennt, lässt sich nicht planen. Es ist weder machbar noch garantierbar. Es geschieht – oder geschieht nicht. Vielleicht ist das sogar ein wichtiger Punkt: Gott ist nicht verfügbar. Und gerade darum ist es klug, wach zu bleiben.

Wer einmal eine Spur davon wahrgenommen hat – ein Aufatmen, eine unerwartete Klarheit, ein Moment von Trost, eine Versöhnung, die man sich selbst nicht zutraut – wird gut daran tun, wieder damit zu rechnen. Nicht als Druck, sondern als Möglichkeit.

Und wer beginnt, damit zu rechnen, wird schwer um eine gewisse Feierlaune herumkommen. Nicht, weil alles gut wäre. Sondern, weil mitten im Unfertigen etwas aufscheint, das trägt.

Gottesdienst feiern heisst für mich: Gottes Dienst feiern.
Gemeinsam. Mit offenen Sinnen. Und ohne so zu tun, als hätten wir alles im Griff.

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